(Sich) Gehen und gehen lassen. Über das „richtige“ Weitwandern…

© Martin Marktl – Hauptsache unterwegs! (Kärnten, Glantal)

Schneller, höher, weiter? Oder doch lieber langsamer und kürzer treten? Was ist denn nun das „richtige“ Weitwandern? Die Alpenüberquerung oder ein Pilgerweg? Alleine oder in der Gruppe? Selbstversorger oder Hüttentrek? Berg oder Tal?

Aus unserer Blog-Reihe: Das Weite suchen… – von und mit Martin Marktl.

 

(Sich) Gehen und gehen lassen.

Unlängst kam ich ja auf den Ostösterreichischen Grenzlandweg zu sprechen, also jener 700 km langen Strecke, die sich vom Waldviertel bis in die Südsteiermark zieht. Auch Wanderfreund Gert steht kurz davor, in seinem Tourenbuch die letzten fehlenden Kilometer dieser Fußreise einzutragen. Er gehört dann ebenfalls zum handverlesenen Kreis der erfolgreichen Gesamtbegeher. Einzig der Thayatalweg fehlt ihm noch. Doch da ich ihn schon mit 60 Tageskilometern über die steilen Berggrate der Südsteiermark düsen sah, sind diese 180 Kilometer für ihn eine Angelegenheit, die sich wohl gemütlich an einem Wochenende abhaken lässt.

Alles wäre eitel Wonne, wäre da nur nicht der Neusiedler See. Die Überquerung des Burgenländermeeres liegt nämlich auch am Weg, und die lässt sich naturgemäß nicht per pedes absolvieren. Obwohl manche Leute sagen, dass der Neusiedler See so lang sei, dass es allein durch die Erdkrümmung möglich ist, von der Seemitte in beiden Richtungen mit Wasserschiern abzufahren. Wer aber keine Schier dabei hat, der muss die Fähre von Illmitz nach Rust nehmen. Und das wurmt Gert ungemein, ist dieser eine Kilometer doch schlussendlich daran schuld, dass er so nie behaupten kann, die gesamte Strecke aus eigener Kraft absolviert zu haben. Es ist daher nur mehr eine Frage der Wassertemperatur, bis er sich im Badehoserl ans Seeufer stellen wird, um die Strecke zu schwimmen.

Das bringt mich zum Thema des heutigen Tages, der Motivation.

Ich kenne kaum einen Weitwanderer, der seine Touren nicht an ein bestimmtes persönliches Ziel knüpft. Der Wunsch, einmal zu Fuß die Alpen überqueren, ließ Stephi und Christof in 23 Tagen (!) von Salzburg nach Triest wandern. Andere wollen einfach nur ihre Heimat besser kennenlernen, und sind auch mit 10 Tageskilometern zufrieden. Ein Wanderfreund aus Purkersdorf hingegen beschloss vor einigen Jahren, mit seinen zwei besten Freunden wieder einmal auf ein Bier zu gehen. Und da man bei solchen Plänen das Auto besser stehen lässt, machte er sich zu Fuß auf den Weg zu ihnen. Der eine Freund wohnte gleich ums Eck. Der andere in Schweden.

Schneller, höher, weiter? Oder doch lieber langsamer und kürzer treten? Was ist denn nun das „richtige“ Weitwandern? Die Alpenüberquerung oder ein Pilgerweg? Alleine oder in der Gruppe? Selbstversorger oder Hüttentrek? Berg oder Tal?

Es gibt ihn beim Weitwandern glücklicherweise nicht, den „einzig richtigen Weg“. Immerhin sind wir Freizeitsportler und keine Missionare. Wer den alltäglichen großstädtischen Kleinkrieg zwischen Rad- und Autofahrern kennt, weiß, wie viel Energie manch einer in Diskussionen mit Menschen steckt, die er nie im Leben wieder trifft. Muss nicht sein. Bevor wir Weitwanderer uns in die Niederungen der Rechthaberei begeben, gehen wir einfach weit weg! Niemand geht zu Fuß von Wien nach Schweden, um sich zu streiten. Auch wenn es selbst unter Fußgängern immer wieder zu höchst merkwürdigen Vorfällen kommt.

Das einzige Ziel, egal ob weit entfernt oder gleich ums Eck, ob in lichten Höhen oder auf Meeresniveau ist, am Ende des Tages auf die Tour zurückzublicken und zu sagen:

Meinerseel‘, war das ein Traumtag heute!

Und um nix anderes geht’s. Wer sein Ziel erreicht, und gleichzeitig mit dem „wie“ zufrieden ist, hat die richtige Balance zwischen Wunsch und Wirklichkeit gefunden. Oder etwas weniger poetisch: Das selbst gesteckte Ziel war erstrebenswert – und wenn’s Spaß gemacht hat, auch recht einfach erreichbar.

Wie ein Bier in Schweden.

Aus unserer Blog-Reihe: Das Weite suchen – mit Martin Marktl.
Fortsetzung folgt!

Martin Marktl ist leidenschaftlicher Mehrtages-Wanderer und ist vorzugsweise auf heimischen Pfaden unterwegs. Im Laufe der letzten Jahre kamen auf Österreichs Weitwanderwegen schrittweise rund 5.000 Kilometer zusammen. Manchmal geht’s auch über die Grenze: Im Vorjahr gelang Martin im Rahmen eines Buchprojekts die Erstbegehung des Alpe-Adria Trails. Er lebt als glücklicher, freier Journalist und Buchautor in Kärnten und Wien.

© Martin Marktl – Hauptsache unterwegs! (Kärnten, Glantal)

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Bildinfo & Text:

© Martin Marktl – Hauptsache unterwegs! (Kärnten, Glantal)

1. Oktober 2015