Suchtgefahr Weitwandern… Unterwegs im Thayatal.

Hinkelstein Weitwandern Thayatalweg Waldviertel (c) Martin Marktl

630 – weit mehr als eine Nummer… Weitwanderer Martin berichtet über seine Eindrücke entlang des Thayatalwegs im Hohen Norden Österreichs, dem eindrucksreichen Waldviertel in Niederösterreich.

 

Immer weiter gehen. Einfach losmarschieren. Und zu Fuß – nur mit dem Allernötigsten ausgerüstet – wochenlang die Heimat erkunden. Auf Österreichs Weitwanderwegen geht das ganz gut!

 

Es ist 06:30 morgens, und in der Nebelsteinhütte herrscht freie Platzwahl. Es scheint, als wären wir die einzigen, die mit den ersten Sonnenstrahlen zum Aufbruch blasen. Wenn alles nach Plan läuft, finden wir uns am Abend in einem gemütlichen Gasthof in Gmünd wieder, und gratulieren uns zur erfolgreich absolvierten Einstiegsetappe am Thayatalweg. Wir sind hier ja eigentlich am Ostösterreichischen Grenzlandweg, einem insgesamt 700 km langen Weitwanderweg entlang der österreichischen Staatsgrenze. Das erste Viertel des Weges gilt als besonderer Leckerbissen. Es wurde deshalb auch als eigene, rund 180 km lange Strecke markiert und darf nun stolz die Wegnummer 630 tragen. Je nach Wunschtempo verbringt man 1-2 Wochen meist in unmittelbarer Nähe der Thaya.

 

Das war damals, oben im Norden des Landes. Obwohl meine Durchquerung des Thayatals schon eine Weile her ist, sind mir von den ersten Etappen insbesondere die Abende in guter Erinnerung geblieben, denn nordöstlich des Nebelsteins verfügen die Waldviertler mit Schrems, Zwettl und Weitra über drei Hochburgen auf Österreichs Bierlandkarte. Die Etappen lassen sich übrigens auch ganz gut in mundgerechte Mehrtages-Happen aufteilen, da es zwischen Gmünd und Retz, dem Ziel der langen Reise, immer wieder Gelegenheiten gibt, auf das öffentliche Verkehrsnetz aufzuspringen.

Trotzdem, liebe Leute, lasst die Stücke nicht allzu kurz ausfallen, denn sonst kann es passieren, dass die Tour am Weitwanderweg zu einer Abfolge von Tageswanderungen wird. Auch kein Beinbruch, doch das ganze Flair des Vagabundierens geht dann natürlich den Bach runter. Weitwandern beginnt dort, wo Buspläne und Wochentage in der Bedeutungslosigkeit verschwinden. All I own is hanging on my back, konstatiert Eric Burdon in Tobacco Road. Erst wenn sich genau dieses Gefühl einstellt, die innige Verbundenheit mit dem eigenen Rucksack … dann, ja dann beginnt das „weite Wandern“: Mehrere Wochen unterwegs sein, ganze Bundesländer durchqueren, und nach einiger Zeit in der Lage sein, den eigenen Rucksack mit verbundenen Augen auseinandernehmen und wieder zusammenbauen zu können – das ist Weitwandern.

Hat man dieses Gefühl erst einmal erlebt, besteht pathologische Suchtgefahr: In den Schuhen stecken dann vielleicht bereits 1-2 Tourenwochen, und die drückendsten und quälendsten Sorgen der ersten Tage, nämlich jene in der Fersenregion, sind lange vergessen. Auch sonst ist jeglicher Ballast an Alltagssorgen längst irgendwo am Weg liegengeblieben, die Tour ein unbeschwerter Genuss. Kein Wetterwechsel schlägt auf die Stimmung, denn: Man ist lange, sehr lange unterwegs. Die Sonne wird schon wieder kommen. Und wenn nicht morgen, dann halt übermorgen.

Und es muss nicht immer hoch hinaus gehen: Immerhin gibt es in Österreich rund 7.300 Weitwanderkilometer in den unterschiedlichsten Höhenlagen. Einige Wege haben die Pfadfinder, also meine Kollegen, die sich um den Ausbau der Tourenplattform weitwanderwege.com kümmern, schon in die Seite integriert und mit entsprechenden Etappeninfos ausgestattet.

 

Es ist später Nachmittag, das GPS Gerät verweist bereits auf 25 Marschkilometer, und vor uns liegen noch etwa 5 Kilometer dichter Wald. Gut zu wissen, dass unser Quartiergeber in Gmünd von unserem Kommen weiß. Die von der Homepage schon bekannte Speisekarte sorgt nun für die notwendige Motivation auf den letzten Metern. Bereits jetzt stellt sich die Vorfreude auf ein täglich wiederkehrendes Ritual ein – den abschließenden Abend eines erlebnisreichen Tourentages. In lockerem Gewand und Hüttenpatschen. Und der große Reiz des Weitwanderns zeigt sich in einer paradoxen Facette: Niemand verzichtet dankbarer in den folgenden 12 Stunden auf jeden unnötigen Schritt als jemand, dessen größte Leidenschaft darin besteht, zu Fuß das ganze Land zu durchqueren…

Aus unserer Blog-Reihe: Das Weite suchen – mit Martin Marktl. Fortsetzung folgt!

Martin Marktl ist leidenschaftlicher Mehrtages-Wanderer und ist vorzugsweise auf heimischen Pfaden unterwegs. Im Laufe der letzten Jahre kamen auf Österreichs Weitwanderwegen schrittweise rund 5.000 Kilometer zusammen. Manchmal geht’s auch über die Grenze: Im Vorjahr gelang Martin im Rahmen eines Buchprojekts die Erstbegehung des Alpe-Adria Trails. Er lebt als glücklicher, frei(laufend)er Journalist und Buchautor in Kärnten und Wien.

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Text & Beitragsbild: (c) Martin Marktl, Hinkelstein am Thayatalweg im Waldviertel.

 

1. März 2015