Zwischen „Keine Angst vor Rinderherden“ und „Killer-Kühen“…

Weitwandern - Ihr schon wieder - Martin Marktl

Die Begegnung mit einer Kuhherde hat Ende Juli 2014 für eine Wanderin im Tiroler Pinnistal tragisch geendet. Die sonst eher sanftmütigen Tiere hatten die Frau mit Hund auf ihrem Weg angegriffen und tödlich verletzt. Neben all der Tragik eines solchen Unfalls stellt sich natürlich die Frage, wie solche Vorfälle vermieden werden können. Die Berichterstattung ist unterschiedlich. Martin hat sich damit außeinander gesetzt. Zwischen „Keine Angst vor Rinderherden“ und „Killer-Kühen„…

Aus unserer Blog-Reihe: Das Weite suchen… – von und mit Martin Marktl.

 

Hundstage, Teil II

Nun ist es also wieder passiert: Einmal mehr endete eine Wanderung für eine deutsche Hundebesitzerin tödlich. Seit Jahren verfolge ich die Berichterstattung über Kuhattacken, und versuche herauszubekommen, wie es genau dazu kam. Was sich dabei deutlich zeigt: In nahezu 100 Prozent aller Fälle gibt es brenzlige Situationen vor allem dann, wenn ein Hund mit von der Partie ist. Passiert etwas, dauert es nicht lange, und in den Zeitungen folgen Ratschläge wie „Lassen Sie ihren Hund besser nicht laut bellend auf eine Kuhherde zustürmen“ oder „Nehmen Sie ihren Hund bei einer herannahenden Stampede besser nicht auf Ihren Arm hoch“ zu lesen.

Naja, wenn’s hilft …

Meiner Meinung nach liegt die Ursache des Konfliktpotentials einzig und allein im instinkthaften Verhalten sowohl der Hunde als auch der Kühe. Und da ist nichts vorherseh- oder planbar. Als Ex-Hüttenwirt, dessen Alm inmitten einer 80 Hektar großen Kuhweide liegt, kriegt man im Lauf der Jahre ja auch ein bisserl was mit. Da ist einerseits das – oft etwas zu selbstsichere – Vertrauen der Hundemamas und –papas in die eigenen Dressurfähigkeiten: Fast jeder Besitzer glaubt zu wissen, seinen treuen Kameraden in jeder Situation voll im Griff zu haben. Die Anzahl der Hühner, die ich auf meiner Hütte aufgrund des angeborenen Jagdtriebes der Hunde verloren habe, spricht allerdings eine andere Sprache.

Vor allem jedoch kann niemand vorhersehen, was in einem Rinderschädel so vorgeht. Beispiel gefällig? Einer meiner Hüttennachbarn auf der Alm ist quasi seit Anbeginn der Zeitrechnung mit seinem Hund in den Bergen unterwegs. Er lebt als Wanderführer seit Jahrzehnten inmitten bewirtschafteter Bergweiden. Sein vierbeiniger Begleiter ist dank einer soliden Ausbildung zum Bergrettungshund wohl das Erfahrenste, was es in dieser Schnauzenhöhe überhaupt gibt. Trotzdem kam es irgendwann zu einer Begegnung der unliebsamen Art. Und siehe da, auch dieses Expertenteam in Sachen Kuhweide war gegen die geballte Macht mehrerer 600 Kilogramm schwerer, instinktgetriebener Herdentiere machtlos, obwohl sich der Hund korrekt verhielt und sofort die Aufmerksamkeit der Stampede auf sich – und damit weg von seinem Herrchen – lenkte. Doch es war bereits zu spät, die Tiere sahen rot und stürmten im gestreckten Galopp auf sein Herrchen zu. Das Ergebnis: Zahlreiche Rippenbrüche und eine langwierige Reha.

Mit Erfahrung ist also ebenfalls nichts zu machen. Wenn’s hart auf hart geht, ist die Kuh stärker. Und auch schneller, selbst wenn man das nicht glauben möchte. Während sich ein Hund spielend aus der Gefahrenzone bringen kann, bleibt uns Zweibeinern als beste Hoffnung oft nur, laut herumzuschreien und hilflos mit einem Stock zu fuchteln, während sich das Rindvieh vis-a-vis schon allerlei Blödsinn überlegt.

Im Allgemeinen heißt es – und das ist wohl die wichtigste Regel: Lieber nah dabei als mittendrin. Und wenn sich die Durchquerung einer Weide partout nicht vermeiden lässt: Hunde an die Leine, außer die Kuh greift an. Dann den Vierbeiner sofort freilassen. Dabei gilt: Jeder, der die Frage „Versteckt sich mein Hund bei drohender Gefahr hinter mir?“ nicht mit einem eindeutigen NEIN beantworten kann, sollte vielleicht vorab mit der Familie klären, ob es ein Wander- oder ein Actionurlaub werden soll.

 

Aus unserer Blog-Reihe: Das Weite suchen – mit Martin Marktl.
Fortsetzung folgt! 🙂

Martin Marktl ist leidenschaftlicher Mehrtages-Wanderer und ist vorzugsweise auf heimischen Pfaden unterwegs. Im Laufe der letzten Jahre kamen auf Österreichs Weitwanderwegen schrittweise rund 7.000 Kilometer zusammen. Manchmal geht’s auch über die Grenze: 2012 gelang Martin im Rahmen eines Buchprojekts die Erstbegehung des 750km langen Alpe-Adria Trails. Er lebt als freier Journalist und Buchautor in Kärnten und Wien.

 

 

Weitwandern - Ihr schon wieder - Martin Marktl

Weitwandern – Ihr schon wieder – Martin Marktl

 Weitere Weitwandern-Geschichten findet Ihr HIER!

 

 

Bildinfo:

© Martin Marktl – Ihr schon wieder! Steiermark, 2014

Linktipps zum Thema:

Wandern mit Hund: http://magazin.salzburgerland.com/gesundheit/wandern-mit-hund/

Tipps vom Alpenverein zum richtigen Umgang mit Weidetieren: http://www.alpenverein.at/portal/news/aktuelle_news/2014/2014_07_15_weidetiere.php

 

Neben all den Berichten von Killer-Kühen und/oder unterschiedlichsten Darstellungen von tierischem oder menschlichen Fehlverhalten, aber natürlich auch die zahlreichen guten Tipps & Ratschläge zur Vermeidung solcher unglücklichen Un- und Vorfälle, möchten wir an dieser Stelle vor allem unser Mitgefühl an alle Betroffene ausdrücken. Das Team von www.weitwanderwege.com.

 

 

 

 

28. Juli 2015