Bitte mehr Busse!

Schladminger Höhenweg, Giglachsee, Steiermark, Wandern und Weitwandern in Österreich

Aus unserer Blog-Reihe: Das Weite suchen… – von und mit Martin Marktl.

„Everywhere is within walking distance – if you have the time“, lautet das Credo der Weitwanderer. Wer nur am Wochenende Zeit hat, lässt den einen oder anderen Kilometer zwischen Heim und Berg wegfallen. Oft geht das aber nicht so reibungslos, wie man es gerne hätte.

 

Ein „herzliches Grüß Gott“ im neuen Wanderjahr! Nach einem halben Jahr ungeduldigen Zuwartens geht’s endlich wieder raus ins Gemüse. Eingangs ein kurzer Rückblick vorm Ausblick: Letztes Jahr durfte ich mich den ganzen Sommer über mit lohnenden Mehrtagestouren in (Süd-)Österreich beschäftigen. Ich war auf der Suche nach Wanderstrecken für Leute wie Du und ich die Montag bis Freitag ihrem Broterwerb nachgehen, jedoch am Wochenende raus in die Berge, und jede Sekunde der kostbaren Freizeit gut genutzt wissen wollen. Vor allem der Anreise-/Wanderwegquotient muss ein gutes Ergebnis ausspucken – denn niemand will einen Gutteil des Wochenendes auf der A2 im Kolonnenverkehr verbringen. Ich glaube daher, dass ich inzwischen ganz gut weiß, was man einem arbeitenden, nach Natur und Bergluft gierenden Menschen in Sachen Reiselogistik zumuten kann – und darf.

Eine solche „Zumutung“ ist leider inzwischen das ländliche öffentliche Verkehrsnetz an Nicht-Werktagen. Wer sich zwischen Freitag und Sonntag ein Gebirge zur Brust nehmen will, scheitert bei vielen, ansonsten lohnenden Zielen an den fehlenden Zug- und Busverbindungen. Was nützt mir die schönste Anreisemöglichkeit im freitagnachmittäglichen Pendlerverkehr, wenn ich am Sonntag mit großen traurigen Augen auf der anderen Bergseite stehe und nur mehr unter dem Einsatz von zumindest € 50,- Taxigeld der Einsamkeit entfliehen kann? Normal gehört ja ein Leserbrief geschrieben. In einem Kleinformat würde sich das vermutlich so lesen: „Da hört sich doch bitt’schön alles auf! Wie komme ich als gelernter Österreicher dazu, mit meinem hartverdienten Geld die ÖBB zu subventionieren, wenn diese am Ende ohnehin nur den Güterverkehr streichelt? 4.000 Kilo Steinkohle sind schneller in Linz oder Salzburg als ein Wiener Wanderer in seinen Hausbergen (Wien – Preiner Gscheid: 2 bis 2 ½ Stunden).

Die Fahrpläne am Land lassen sich mittlerweile so zusammenfassen: Ein Bus fährt bei Sonnenaufgang vom Ende der Ausbaustrecke zur nächsten Bezirkshauptstadt. Das ist der Schülerbus, der auch irgendwann am Nachmittag wieder Richtung Herrgottswinkel zurückfährt. Für uns Wanderer eine denkbar ungünstige Fügung, wollen wir doch in der Früh weg vom Zentrum und am Nachmittag wieder zurück zum Bahnhof. Im Öffi-Jargon ausgedrückt, heißt das dann: Mo – Fr (an Schultagen) – also mitten in der Normalarbeitszeit.

Wechseln wir im Jahreskreis eine Ebene nach oben, bietet sich das gleiche Spiel: Wanderbusse fahren nur in den Sommerferien, also just in jenen zwei Monaten, wo das Gros der einheimischen Dienstleister – insbesondere jener in der Tourismuswirtschaft – zwar gerne wandern würde, aber schlicht und ergreifend keine Zeit dafür hat. Im September, wenn die Ferien zwischen Usedom und Bari sich schön langsam dem Ende zuneigen, könnten auch die Österreicher wieder wandern gehen – nur leider haben die Wanderbusse dann ihre Einstiegsstufen hochgezogen. Dazu kommt, dass die Shuttles selbst in der Hauptsaison oft nur an Wochentagen fahren – was laut Insidern den einfachen Grund hat, dass der Busfahrer am Wochenende das doppelte kostet.

Omnibus – lat. „für alle“

Hier setzt mein Aufruf an die heimischen Tourismusverbände ein: Wir wanderhungrigen Landstreicher aller Länder müssen die Busfahrt gar nicht „um jeden Preis geschenkt“ haben. Werfen wir beispielsweise einen Blick nach Schladming: Wer den grandiosen Schladminger Höhenweg in Angriff nehmen möchte, kann sich dazu bereits am Freitag – nach einem erfüllten halben Arbeitstag – in den Zug setzen und ins Ennstal fahren. Von dort kommt man selbst nach 18 Uhr noch mit einem Wanderbus ins Gebirge, und kann sogar am Abend ohne Stress beispielsweise von der Ursprungalm loswandern, und seine aufblasbare Matte nach einer Stunde Gehzeit in der Ignaz-Mattis-Hütte aufrollen. So geht sich auch ein Vormittagsspaziergang um den Giglachsee aus, wo letzten Sommer das heutige Beitragsbild entstand. Oder man kann die Gollinghütte zum Nachtquartier küren, denn auch das Untertal wird bis in die Abendstunden angefahren!

Und die, die mit dem Auto kommen, dürfen zB bei der Hochwurzenbahn kostenlos parken, und können von dort aus mit dem Wanderbus zum bevorzugten Startpunkt fahren, um das Wochenende für eine Mehrtagestour zu nutzen. Am Sonntag wartet dann das Auto gleich neben dem Ausrollbereich der Go-Kart-Bahn, dank der man beim Abstieg vom Hochwurzengipfel seinen Gelenken eine große Freude bereitet.

Die Busfahrt kostet – bitte nagelt mich nicht auf den Cent genau fest – irgendwas in der Höhe von € 6,-. Dafür kann ich mein Auto daheimlassen, eine Gebirgsüberschreitung machen UND einen halben Tag ans Wochenende anhängen…!

Also, liebe Tourismusvereine, bitte verdichtet das Busnetz. Bei € 6,- für eine 25-minütige Busfahrt fühlt sich niemand um sein Erspartes betrogen – scheut Euch also nicht, der Kostenwahrheit todesmutig ins Auge zu blicken.

Die Wanderer werden’s Euch danken!

 

Aus unserer Blog-Reihe: Das Weite suchen – mit Martin Marktl.
Fortsetzung folgt! 🙂

Martin Marktl ist leidenschaftlicher Mehrtages-Wanderer und ist vorzugsweise auf heimischen Pfaden unterwegs. Im Laufe der letzten Jahre kamen auf Österreichs Weitwanderwegen schrittweise rund 7.000 Kilometer zusammen. Manchmal geht’s auch über die Grenze: 2012 gelang Martin im Rahmen eines Buchprojekts die Erstbegehung des 750km langen Alpe-Adria Trails. Er lebt als freier Journalist und Buchautor in Kärnten und Wien.

 

Bildinfo:

© Martin Marktl – Vormittagssonne am Giglachsee @ Schladminger Höhenweg

22. Juni 2015