Wie das flambierte Bananensorbet auf die Hütte kommt. Ein Blick hinter die Kulissen…

Weitwandern & wandern am Zirbitzkogel. Helmut-Erd-Schutzhaus entlang der großen Zirbitzkogelrunde oder der Via Natura. (c) Martin Marktl

„Komfort ist ein böses, böses Ding.“ schreibt Weitwanderer Martin in seinem heutigen Bericht! Kritisch begegnet er heute der  „Sache mit der obersten Komfortklasse“ auf Hütten und den daraus resultierenden Anforderungen für Hüttenwirte. Wie es dazu kam, und wies funktioniert, wies jetzt funktioniert – das erfährt ihr in seinem heutigen – sehr aufschlussreichen – Beitrag. Und er spricht aus Erfahrung, denn Martin war selbst leidenschaftlicher Hüttenwirt auf der Turracher Höhe in Kärnten!

Aus unserer Blog-Reihe: Das Weite suchen… – von und mit Martin Marktl.

 

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Die Sache mit der obersten Komfortklasse.

So, zurück vom Weitwanderurlaub – dafür wird’s heute ein bisserl länger …!

Unlängst kam ich auf etwa 2.400 Metern Seehöhe auf der Terrasse eines Schutzhauses zu sitzen. Das Wetter war sensationell gut, sodass auch an diesem Wochentag alle Tische besetzt waren. Werner, gleichsam sympathischer wie engagierter Betreiber des Zirbitzkogelhauses, hat auch heute wieder einige Getränkekisten den Berg hochgekarrt, sodass seine Gäste nicht verdursten müssen. Einige Meter weiter saß eine Runde, deren Tischgespräch von einer Dame aus offensichtlich gutem Hause dominiert wurde. Das Thema drehte sich ums „in die Berg gehen“ im Allgemeinen – und um diesbezügliche Erlebnisse der Dame im Besonderen.

Nach einer detailreichen Schilderung aller Mühen des zurückliegenden Aufstieges folgte eine äußerst bemerkenswerte Feststellung: In gepflegtem Burgtheaterdeutsch beklagte die Dame, dass auf den Wanderwegen auffallend viele Steine herumlägen. Manche der Brocken stünden sogar derart weit in den kurvenreichen Steig hinein, dass sie sich letztendlich gezwungen sah, die Ideallinie Richtung Hütte zu verlassen. Ihre Missfallenskundgebung schloss mit der befriedigten Überzeugung, dass es solche Zustände in ihrer Heimat niemals geben würde.

In der subalpinen Vegetationszone Döblings ist das halt alles ein bisserl einfacher‘, dachte ich mir. Und nahm das eben Gehörte zum Anlass, ein wenig über die gestiegenen Ansprüche nachzudenken, die heutzutage an die Infrastruktur am Berg gestellt werden. Mehr noch als die Wege müssen sich die Schutzhütten am Berg an ihren Mitbewerbern im Tal messen lassen. Mehr Komfort! lautet der Schlachtruf, der immer öfter bis in die entlegensten Winkel unserer Bergwelt dringt.

Gedenken wir an dieser Stelle der Anfangszeiten alpiner Schutzhütten: Damals waren die Anforderungen noch recht überschaubar: Vier Wände gegen Wind und Wetter – und idealerweise einen großen Stein in der Nähe, hinter dem man sich bei Bedarf zurückziehen kann. Ein Notquartier sollte es sein, das einem bei herannahender Gefahr die Haut rettet. Oder ein Stützpunkt für „Bergfahrten“, die vom Tal aus nicht in einem Tag zu schaffen wären. Zwischen dem Entstehen dieser ersten, unbewirtschafteten Zweckbauten bis heute hat sich, wie man bei Werner Bätzing nachlesen kann, in den Alpen mehr getan als in ihren 130 Millionen Lebensjahren zuvor. Aus der unnahbaren Zone, die bis in die Neuzeit von allen Menschheitsgenerationen als bedrohliches, zugleich wertloses Ödland gemieden und de facto nicht betreten wurde, entstand eine großflächige Kulturlandschaft. Worauf bekanntlich in den letzten zwei Jahrhunderten deren touristische Erschließung folgte.

Inzwischen hat sich der Verbund heimischer Schutzhütten zum größten Quartiergeber Österreichs entwickelt. Allein der Alpenverein stellt hierzulande 13.000 Schlafplätze, und 238 Hüttenwirte kümmern sich darüber hinaus ums leibliche Wohl. Das sind exakt 238 Hüttenwirte mehr als in den Anfangstagen des Bergtourismus. Sie sind es, die dem Komfort in höheren Lagen massiv Vorschub leisteten. Dazu kamen technische Neuerungen, die im Laufe des 20. Jahrhunderts in nahezu allen Schutzhäusern Einzug hielten. Anfangs hatte man wohl Kienspäne im Rucksack, damit auch in den Hütten ein Licht aufging. Es folgten Petroleumlampen, später Gaskartuschen. Und der Brunnen vor der Hütte war Kühlschrank, Waschraum und – falls die Sache mit den Kienspänen nicht im Sinne des Erfinders funktionierte – Löschzentrale in einem.

Es sollte noch ein ordentliches Weilchen dauern, bis Elektrizität und Fließwasser in den Hütten Einzug hielten. Was nicht verwunderlich ist, da in unseren Breiten viele Häuser im Tal gerade einmal ein halbes Jahrhundert am Stromnetz hängen. Trotz aller Einfachheit fanden es die Pioniere der Alpen in diesen Verschlägen außerordentlich gemütlich, wie man immer wieder in ihren Reiseberichten nachlesen kann.

Dennoch hatte in den Folgejahrzehnten niemand etwas dagegen, wenn die eine oder andere Annehmlichkeit ihren Weg von ganz unten nach ganz oben fand. Öfen und Herde wurden gemauert, und zahlreiche Matratzen geschultert. Von der ersten, auf den Rücken eines Wandersmannes geschnallten Klomuschel, die so ihren Weg auf die Bertahütte (Karawanken) fand, gibt es sogar Bilder. Und im Hochstubaihaus, das auf 3.170 m Seehöhe über dem Ötztal thront, sitzen Besucher heute an einem rustikalen, riesengroßen Tisch, dessen 60 kg schwere Platte noch lange vor dem ersten Hubschrauberflug in Österreich von stämmigen Stammgästen hinaufgestemmt wurde.

Komfort ist ein böses, böses Ding. Hat man sich erst einmal an ihn gewöhnt, fällt es schwer, wieder „zurückzusteigen“. Das liegt wohl in der Natur eines jeden Gewohnheitstieres. Wenn heutzutage jemand von Wien nach Los Angeles fliegt, dann ist es die normalste Sache der Welt, in 11.000 Metern Seehöhe auf einem Stuhl gemütlich darauf zu warten, bis sich die Weltkugel ein paartausend Kilometer gedreht hat.  Nein, heute kreisen die Gedanken kurz nach dem Take-Off um die Frage, warum es in dieser Kiste kein WLAN gibt.

In den Bergen ist es nicht anders. Wer einmal auf einer Schutzhütte in den Genuss einer warmen Dusche gekommen ist, vergisst das ein Leben lang nicht mehr. Ab diesem schicksalshaften Moment ist sie dahin, die bescheidene Freude, dass es irgendwo am Juchee, inmitten einer kargen Steinwüste, ÜBERHAUPT Wasser gibt. Der Mensch ist so, und das lässt sich auch nicht ändern. Deshalb wird mir auch schlagartig langweilig, wenn jemand bei diesem Thema immer nur auf die anderen zeigt und sich selbst als der große Sir Vival aufspielt.

Sich über Annehmlichkeiten zu freuen, ist nichts Verwerfliches. Dazu gehört es aber auch zu akzeptieren, wenn es aufgrund der Gegebenheiten ganz einfach nicht möglich ist, an der Komfortschraube zu drehen. Vielleicht dazu ein paar generelle Dinge, die es zu bedenken gibt, bevor man hoch oben in den Bergen zu quengeln beginnt und dem Hüttenwirt das Leben schwer macht. Schauen wir uns doch einfach einmal um, wie es denn um die Hütteninfrastruktur bestellt ist. Meist ist dann eh gleich klar, warum manches geht, und anderes eben nicht.

Zuerst die Basics: Gibt es für den Transport eine Zufahrtsmöglichkeit? Oder hilft eine Materialseilbahn dabei, das Bier hochzukarren? Und wo kommt hier oben der Strom her? Hilft dabei ein Wasserkraftwerk (tolle Sache, erzeugt mächtig viele KaWees) oder müssen ein paar Photovoltaikbrett‘ln reichen (genug fürs Licht, doch zu wenig für einen Tiefkühlschrank)? Wer also das nächste Mal große traurige Augen bekommt, wenn auf der Karte das flambierte Bananensorbet zu fehlen scheint, kann sich nun damit trösten, dass er weiß, warum das so ist.

Ein Punkt, der dem talverwöhnten Gipfelaspiranten einige Bereitschaft für Neues abverlangt, ist die Sache mit dem Warmwasser. Hat man sich gerade erst damit abgefunden, dass es im Waschraum keinen Stecker für Fön und Rasierapparat zu geben scheint, folgt die nächste niederschmetternde Erfahrung: Trotz dreiminütiger Wartezeit kommt immer noch kein warmes Wasser aus der Leitung! Was möglicherweise daran liegt, dass der Installateur auf den zweiten, Wasserhahn, den mit dem roten Punkt, vergessen hat (?)

Dass der Wellnessbereich unter den Erwartungen bleibt, kann aber auch andere Gründe haben. Der offensichtliche: Es gibt zu wenig Wasser – denken wir nur an Hütten wie das Hochschwabhaus, das Dobratsch-Gipfelhaus oder die Ennstaler Hütte, um nur einige Beispiele zu nennen. Sie alle stehen auf einem staubtrockenen, nackten Steinhaufen. Das einzige, was ein Wanderer dort machen kann, um an Wasser zu kommen, ist, bei Regen die Hände zu einer Schüssel zu formen. Doch was tut man als Hüttenwirt, wenn es – wie erst unlängst 2013 – fast zwei Monate keine nennenswerten Niederschläge gibt? In solch einem Fall wird heutzutage meist ein Hubschrauber mit der Versorgung beauftragt – und das kostet eine Lawine. Alle Nebenkosten zusammengerechnet, kommt eine einzige WC-Spülung in solchen Hütten auf 3-5 Euro.

Doch nicht einmal in der Gollinghütte, die dank eines Gebirgsbaches sowohl Wasser als auch Strom zur Genüge hat, ist der „Fisch schon geputzt“, denn: Wie jeder Wirt, egal ob am Berg oder im Tal, ist auch der alpine Gastronom verpflichtet, alle Abwässer einer Kläranlage zuzuführen – koste es, was es wolle. Und klar, je „schwieriger“ der Standort, desto teurer wird auch die Wasserentsorgung. Was das Gewerberecht betrifft, ist dem Gesetzgeber die Seehöhe des Betriebsstandortes nämlich völlig egal. Sogar die Adlersruhe, die höchste Schutzhütte Österreichs, verfügt über eine Biokläranlage. Zu dumm, dass die für die Kompostierung benötigten Bakterien auf 3.400 Metern nicht mehr auftragsgemäß arbeiten. So muss der Hüttenwirt halt immer wieder mit einer Schaufel in den Auffangbehälter steigen, um die gefrorenen Feststoffe in Säcke abzufüllen und ins Tal zu transportieren. Das sind die Arbeiten, die die Gäste nicht sehen, wenn sie an einem sonnendurchtränkten Tag auf der Hüttenterrasse sitzen, sich dabei wie unter Schock fragen, wie ein einziges Bier 4 Euro kosten kann und irgendetwas von einer „Goldgrube“ in ihren Bart reinmurmeln.

Dank solcher Nebenbeschäftigungen bleibt die Freizeit abwechslungsreich, und und für Müßiggang daher wenig Zeit. Meist kommt halt irgendwas dazwischen. Ich durfte einmal dem Pächter der Rudolf-Schober-Hütte dabei helfen, nach einem sintflutartigen Regenguss die mit Schlamm, Steinen und Geäst verstopfte Rechenanlage seines Wasserkraftwerkes auszuräumen. Kein Honigschlecken – doch immer noch um Welten angenehmer, als einige halb erfrorene Tschechen während eines Schneesturms aus der Felswand zu bergen. Wie es der Wirt der Wolayerseehütte in der vergangenen Saison gemacht hat. Daher wohl habe ich noch nie einen Hüttenwirt sagen gehört: „Weißt Du, am schlimmsten sind diese Tage, wo niemand kommt – da weiß ich einfach nicht, was ich mit meiner Zeit anfangen soll …“

Natürlich geht’s nicht immer um Leben oder Tod. Meistens werden die nicht so starken Tage dafür genützt, Besorgungen im Tal zu erledigen. Wenn der Wirt der Obstanserseehütte Woche für Woche ins Tal absteigt, um frische Ware für die Küche zu besorgen, ist er dank der 747 Höhenmeter zwischen Parkplatz und Hütte zumindest einen halben Tag unterwegs. Nur einmal im Jahr kommt der Hubschrauber, der zu Beginn der Saison den ganzen Sommervorrat hinauffliegt. Jede Art von verderblicher Ware muss hinaufgetragen werden. Das sollte man im Hinterkopf behalten, wenn man auf 2.400 Metern beim gemischten Salat den „Grünen“ vermisst.

Aus unserer Blog-Reihe: Das Weite suchen – mit Martin Marktl.
Fortsetzung folgt!

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Martin Marktl ist leidenschaftlicher Mehrtages-Wanderer und ist vorzugsweise auf heimischen Pfaden unterwegs. Im Laufe der letzten Jahre kamen auf Österreichs Weitwanderwegen schrittweise rund 5.000 Kilometer zusammen. Manchmal geht’s auch über die Grenze: Im Vorjahr gelang Martin im Rahmen eines Buchprojekts die Erstbegehung des Alpe-Adria Trails. Er lebt als glücklicher, frei(laufend)er Journalist und Buchautor in Kärnten und Wien.

Weitwandern & wandern am Zirbitzkogel. Helmut-Erd-Schutzhaus entlang der großen Zirbitzkogelrunde oder der Via Natura. (c) Martin Marktl

Weitwandern & wandern am Zirbitzkogel. Helmut-Erd-Schutzhaus entlang der großen Zirbitzkogelrunde oder der Via Natura. (c) Martin Marktl

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Bildinfo: © Martin Marktl – Schutzhaus Zirbitzkogel

17. Oktober 2014