Almtraum oder Alptraum?

Kulturland statt Wildwuchs - unsere Almen (Large)

Aus unserer Blog-Reihe: Das Weite suchen… – von und mit Martin Marktl.

Martin macht heute einen kurzen Faktencheck zum Zustand der heimischen Bergweiden. Alles schön bunt auf den Bergen – oder doch dunkle Wolken am Horizont? Eine kleine Reise durch Freud‘ und Leid der heimischen Almbauern.

 

Es wuselt schon im obersten Stockwerk unserer Berge und auch auf Österreichs Bergweiden ist wieder Leben einekehrt – die Almsaison hat somit begonnen. Höchste Zeit, unsere schönen Almen vor den Vorhang zu holen!

Ich darf anfangs ein paar beeindruckende Zahlen in die Runde werfen: Das Bundesland Tirol allein kann auf stolze 2200 bewirtschaftete Almen verweisen. Allerdings: Wenn ein Bauer von Bewirtschaftung spricht, meint er damit nicht das Bier im Brunnen, sondern ausschließlich die Viehhaltung. Eine bewirtschaftete Alm in Tirol ist also eine jener Urlaubsresidenzen für Vierbeiner, wo sich Jahr für Jahr
34 000 Milchkühe die Sonne auf den Pansen scheinen lassen. Weitere 76 000 Rinder zeichnen für das Schnitzel am Teller verantwortlich. Dazu gesellen sich rund 3200 Pferde und über 50 000 Schafe. Und das nur in Tirol, wohlgemerkt. Bundesweit kommen wir sogar auf satte 12 000 Almbetriebe.

Anhand dieser Zahlen lässt sich allerdings auch ablesen, dass die Milchwirtschaft im Vergleich zur Mast- bzw. Zuchttierhaltung bei den Stückzahlen deutlich hinterherhinkt. Die Ursachen dafür sind vordergründig die – trotz sichtbarem Zuwachs an Erschließungswegen – deutlich höheren Transportkosten. Ein Liter Almmilch verursacht auf seinem Weg zur Molkerei doppelt so hohe Transportkosten als ein Liter „Talmilch“. Dazu kommt, dass heuer vor Beginn der Almsaison die Milchquote abgeschafft wurde. Diese Regelung wurde in den 80er Jahren eingeführt, um den „Milchseen“ und „Butterbergen“ – einer Folge jahrzehntelanger Überproduktion – Einhalt zu gebieten. Für die Almwirtschaft war diese Regelung ein Vorteil, da Almmilch von der Quote ausgenommen war, und sich die höheren Produktionskosten dadurch rechneten. Durch andere Förderungen, die sich hinter dem Kürzel „ÖPUL“ verstecken, war es dem Heimbetrieb der Alm möglich, das nötige Personal zu stellen. Denn, wie sich jeder denken kann: Milchwirtschaft ist naturgemäß deutlich arbeitsintensiver als andere, extensivere Nutzungsformen.

Tust du mir nix, tu ich Dir nix!

Tust du mir nix, tu ich Dir nix!

Nun, mit dem heurigen Jahr ändern sich die Regeln, und die Almmilch muss sich dem Spiel der freien Kräfte am heimischen Milchmarkt stellen. Für die Politik bedeutet dies, andere Anreize zu schaffen, damit die Bauern auch weiterhin die Flurpflege auf ihre Schultern nehmen. Denn eine Alm, die nicht bestoßen und geschwendet (Almsprache) wird, wächst schneller zu, als ein Wanderer „Jössas, sind da viele Stauden!“ sagen kann 🙂

In einem Land wie Tirol, welches als Inbegriff alpiner Wanderparadiese gilt, sind 47 % (!) des Landes als Almgebiet ausgewiesen. Es lässt sich ohne große Fachkenntnis ausmalen, was es für unsere alpine Kulturlandschaft bedeuten würde, wenn die schönen, in mühsamer, jahrhundertelanger Pflege entstandenen Almflächen aufgrund einer kurzsichtigen Subventionspolitik in den nächsten Jahren von Google Earth verschwinden. Viel zu oft vergessen wir nämlich, dass die Alpen ohne Pflege durch unsere Land- und Forstwirte bis zur natürlichen Baumgrenze völlig – und undurchdringbar – bewaldet wären.

In diesem Zusammenhang ist interessant, dass die Österreichischen Bundesforste seit Jahren einen Anstieg an heimischen Waldflächen vermelden. Wer hätte das gedacht? Jedoch handelt es sich dabei nicht um „guten“ Wald im land- und forstwirtschaftlichen Sinne, sondern um unbewirtschafteten Wildwuchs. Wälder, die jeder kennt, der sich beim Schwammerlsuchen einmal so richtig ordentlich verkoffert hat. Solche Wälder sind weder für die Bauern, noch für Forstbetriebe, und schon gar nicht für uns Wanderer ein Gewinn.

 

Kuhlimuhhh :-)

Kuhlimuhhh :-)

Was können wir Wanderer tun, um diesem Trend entgegenzusteuern?

Viel sogar, wie Johann Jenewein, land- und almwirtschaftlicher Begutachter in der Tiroler Landesregierung sowie Herausgeber der Fachzeitschrift „Der Alm- und Bergbauer“, anhand des fragwürdigen Siegesmarsches von „Analogkäse“ vorrechnet: „10 000 Tonnen Kunstkäse entsprechen 10 000 Tonnen Bergkäse. Für 10 000 Tonnen Bergkäse braucht man ungefähr 100 000 Tonnen Milch. Das wäre die Milchleistung von ca. 16 000 Kühen pro Jahr. Ein durchschnittlicher Milchkuhbetrieb in Österreich besitzt 12 Kühe. Das heißt, es kämen bei Verwendung von Bergkäse statt Kunstkäse 1350 Milchbauern einigermaßen wirtschaftlich durchs Jahr.“

 

Wer also beim nächsten Griff ins Kühlregal von Produkten, die suspekte Namen wie „Pizzamischung“ tragen (denn „Käse“ darf das Zeug aus Palmöl nicht genannt werden) Abstand nimmt, hat einen ersten – gar nicht so kleinen – Schritt für die Erhaltung der heimischen Almen gemacht. Und das sogar ganz bequem im Tal – beim Einkaufen fürs Abendessen 😉

Literatur & weitere Infos:

Irene Prugger: Almgeschichten, Verlag loewenzahn, 2010 (Buchtipp!)

Studie des Ministeriums für ein lebenswertes Österreich (formerly known as Landwirtschaftsministerium) zur Zukunft der Almwirtschaft nach Wegfall der Milchquote

Johann Jenewein nimmt sich heuer übrigens eine Woche Zeit, um gemeinsam mit freiwilligen Helfern aus dem Kreis der Alpenvereinsjugend eine wirtschaftlich geforderte Milchkuhalm zu unterstützen, und durch Flurbereinigungsarbeiten verlorene Weidefläche zurückzugewinnen.

Aus unserer Blog-Reihe: Das Weite suchen – mit Martin Marktl.
Fortsetzung folgt! 🙂

Martin Marktl ist leidenschaftlicher Mehrtages-Wanderer und ist vorzugsweise auf heimischen Pfaden unterwegs. Im Laufe der letzten Jahre kamen auf Österreichs Weitwanderwegen schrittweise rund 7.000 Kilometer zusammen. Manchmal geht’s auch über die Grenze: 2012 gelang Martin im Rahmen eines Buchprojekts die Erstbegehung des 750km langen Alpe-Adria Trails. Er lebt als freier Journalist und Buchautor in Kärnten und Wien.

Bildinfo: © Martin Marktl

 

Ohne Almpflege bald die einzige Möglichkeit zu fotografieren (Large)

Ohne Almpflege bald die einzige Möglichkeit zu fotografieren

10. Juli 2015